Kreativ sein setzt einen Zustand der Aktivierung voraus. Es ist häufig ein schwer greifbarer, manchmal flüchtiger, aber auf eine Weise durchaus fühlbarer Prozess, der ausschließlich im Jetzt stattfindet. Diese Eigenschaften des an den Moment gebundenen und der Aktivierung sind gleichsam dem künstlerischen Arbeiten zuzuschreiben.

Künstlerisches Arbeiten kann als eine Art der „Kultivierung“ beschrieben werden – Kultivierung von Kreativität, sinnlicher Wahrnehmung, Intuition, Denken. In diesem Zusammenhang ist zu konstatieren, dass mit Kultivierung kein mehr oder weniger „zwanghafter“ Antrieb mit dem Ziel der Verbesserung gemeint ist. Vielmehr geht es im hier zugrundeliegenden Verständnis um ein Zulassen. Demnach ist Kultivierung aufzufassen als ein „Um-Sich-Kümmern“ der uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten und versteht sich als die Ermutigung, sich mit der eigenen Potenzialität zu befassen, diese zu pflegen und dieser Raum zu geben.

Anzumerken ist, dass Potenzialität hinsichtlich der Kreativität nahezu unbegrenzt erscheint. Paradoxerweise kann eben jene Kreativität dazu genutzt werden, Rahmenbedingungen für eine Beschränkung von Potenzialität zu schaffen. Ein gravierender Aspekt, der durchaus kultur- und gesellschaftspolitische Implikationen sowie systemtheoretische Anknüpfungspunkte aufweist. Ohne an dieser Stelle vertiefend hierauf einzugehen, scheinen in einigen Systemen kreative Beschränkungstendenzen unter anderem als Mittel der Abgrenzung und Festigung von (Macht-/Experten-) Positionen einzelner Akteure oder Gruppen beobachtbar zu sein. Eine wiederum mögliche fördernde Wirkung als Ansporn zur kreativen Überwindung derartiger Tendenzen in den betreffenden Systemen soll nicht unerwähnt bleiben und unterstreicht die Vielschichtigkeit dieses einer näheren Betrachtung würdigen Themenbereichs.

Wichtige Beiträge künstlerischer Arbeit liegen in der Beschäftigung mit kreativen Beschränkungen sowie der Verhinderung ihrer Manifestation und ihrer Nicht-Akzeptanz. Hierbei hat die künstlerische Arbeit den interessanten Charakter, dass eine Kultivierung nicht nur dem Künstler im Prozess der Erstellung der künstlerischen Arbeit, sondern ebenso dem Rezipienten, dem sich auf das Kunstwerk Einlassenden gleichfalls die Möglichkeit zur Kultivierung offen steht. Begünstigt werden kann dies beispielsweise durch die Einbindung des Rezipienten in den Erstellungsprozess der künstlerischen Arbeit oder als Element des Kunstwerks und daraus resultierend dessen Transformation als Teil des künstlerischen Arbeitens. Es gibt keinen Zweifel daran, dass Künstler durch ihre Umwelt beeinflusst werden und vice versa.  Die Kunst bietet folglich das Potenzial, die Grenzen des kreativen Prozesses und des Kreativ seins zwischen den verschiedenen Akteuren verschwimmen zu lassen, was das ziehen einer klaren Trennlinie zwischen Künstler und Rezipienten häufig ungleich schwerer macht. Ist diese Offenheit nicht wunderbar?

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