Wir alle können uns an das skurrile NBC-Fernsehinterview von Kellyanne Conway, der Beraterin des US-Präsidenten Donald Trump, erinnern:  Angesprochen auf ein Statement des Trump-Pressesprechers Sean Spicer zum Vergleich der Besucherzahlen der Inaugurationen des amtierenden US-Präsidenten und seines Vorgängers Barack Obama, bezeichnete Conway dessen verquere Darstellungen schlichtweg als „alternative Fakten“.  Doch dies ist kein Einzelfall, sondern ein mittlerweile weltweit anzutreffendes Phänomen, welches sich in seinem Ausmaß nicht mehr auf die propagandistischen Staatsmedien autokratischer Regierungen, wie beispielsweise in Russland, zu beschränken scheint. Unlängst von der Gesellschaft für deutsche Sprache zum Wort des Jahres 2016 gekürt und als „Kunstwort“ betitelt, ist die Bezeichnung „postfaktisch“ seit Monaten Teil der deutschen und internationale Medienberichterstattung sowie öffentlichen Debatte. Und auch aus Frank-Walter Steinmeiers Rede nach seiner Wahl zum Bundespräsidenten waren die Begriffe Populismus und postfaktisch nicht wegzudenken. Eine diskursive Auseinandersetzung mit diesen Themen tut offenbar gut und ist in vollem Gange. Diese Debatte möchte ich um einen künstlerisch-philosophischen Blickwinkel ergänzen und ein Merkmal populistischer Denkansätze beleuchten. Hierzu werde ich auf den Aspekt der Differenzierung [1] eingehen und anschließend mithilfe der Ästhetik einen alternativen Ansatz herleiten.

Was bedeutet populistisch und warum ist Differenzierung ein Merkmal?

Um mich diesem Vorhaben zu nähern, möchte ich zunächst beschreiben, was ich unter dem Begriff populistisch verstehe. Als populistisch bezeichne ich die systematische Vereinfachung von komplexen Zusammenhängen mit dem Ziel, die öffentliche Meinung insbesondere unter dem Einsatz von Falschmeldungen oder dem Weglassen gerade von wichtigen Informationen zu manipulieren. Hört man Populisten bei ihren Reden zu, so ist eine Einteilung in „schwarz und weiß“ ein häufiges Schema und klassisches Merkmal populistischer Denkansätze. Dies ist offenbar nicht nur der genannten Vereinfachung geschuldet, sondern scheint ebenso gewünschtes Stilelement des propagierten Narratives zu sein. Das „Gut-gegen-Böse-Denken“, welches wir schon aus Märchen in unseren Kindertagen kennen, ist ein Spannungsbogen, der anscheinend einen gewissen Reiz auf uns Menschen ausübt und darüber hinaus Entscheidungen in einer komplexen Welt einfacher erscheinen lässt. Teil populistischer Argumentation ist folglich, eine klare Trennung und Einfachheit zu erzeugen, hinter der sich Menschen leicht versammeln können – ungeachtet der Komplexität eines Sachverhalts. Ein solcher Denkansatz suggeriert jedoch nur ein hohes Niveau  an Unterscheidung und Aussagekraft. Das hat mich dazu geführt hat, diese Art der Differenzierung mit Fragen künstlerischen Arbeitens und der Ästhetik  zu verbinden. Anhand eines Beispiels möchte ich kurz erläutern, wie sich Differenzierung mit der Beschreibung von Kunst in Bezug setzen lässt.

Was hat Kunst mit Differenzierung zu tun?

Ich habe einige Zeit überlegt, wie man eine künstlerische Arbeit überhaupt mit Worten kennzeichnend beschreiben kann. Hierbei ist mir einmal der Ausdruck „Verdichtung“ über den Weg gelaufen, den ich wie folgt interpretieren und in Zusammenhang mit Differenzierung einordnen möchte. Ein Kunstwerk kann als etwas angesehen werden, in dem sich etwas verdichtet. Es fällt uns irgendwie auf und hat eine gewisse Anziehungskraft auf unsere Aufmerksamkeit. Der Kontext, in dem wir uns gerade bewegen, spielt hierbei oft eine wichtige Rolle. Das Verdichtete muss jedoch nicht immer plastisch sein. Auch eine herausragende Idee kann eine Verdichtung eines Denkprozesses bzw. eines unterbewussten Impulses gesehen werden. Eine Erfahrung, ein Gefühl, etwas, was einen bewegt, kann ebenfalls damit gekennzeichnet werden. Es ist in diesem Sinne also dieses Verdichtende, was differenziert und dadurch vom Rest unterscheidbar macht. Was und wie differenziert wird, ist letztendlich individuell kreiert  – die Geschichte von der Kunst und dem Auge des Betrachters dürfte hinlänglich bekannt sein.

Warum umfasst Ästhetik nicht nur das Schöne?

Bleiben wir bei dem Betrachten, dem Erfahren von Kunst, kommen wir am Begriff Ästhetik kaum vorbei. Beschreibt der Duden Ästhetik als „Wissenschaft, Lehre vom Schönen“, so greift diese Umschreibung äußerst kurz. Etymologisch gesehen stammt der Kern des Begriffs aus dem Griechischen und wird mit sinnlich/sinnlichem Wahrnehmen umschrieben. Wirft man einen Blick auf die Historie der Ästhetik, so lassen sich in Anlehung an Wolfgang Welsch (2010) drei Epochen idealtypischer Positionen bestimmen: Die Epoche der Metaphysik, der Moderne und der Postmoderne. Die metaphysische Epoche (von den Anfängen der Philosophie bis ins 18. Jahrhundert) ist geprägt durch das Streben nach dem Übernatürlichen, der Verbindung mit dem Göttlichen. Es geht um das, was über dem ist, was der Menschen mit seinen Sinnen erfassen und leisten kann. Setzen wir ästhetisch mit dem Sinnlichen in Verbindung, so lässt sich dieses Über-Sinnliche, das nicht mit unseren Sinnen Erfassbare, das quasi Ent-Sinnliche als anästhetisch beschreiben. Dieser anästhetische Ansatz ist für die metaphysische Epoche kennzeichnend. Die Epoche der Moderne (vom 18. bis ins 20. Jahrhundert) setzt hingegen auf eine klar ästhetische Ausrichtung. Der aufgeklärte Menschen verabschiedet sich mehr und mehr vom Mystischen, vom Übernatürlichen und verbindet die Vorstellung des Ideals des Menschseins mit einer vollendeten Ästhetisierung. Das Bemühen nach dem absolut sinnlich Schönen und Klaren, ob in der Malerei, der Musik, selbst in Organisationsformen, ist dominat.  Es ist naheliegend, dass sich die einseitigen Betonungen zweier solch inhärent verbundener Ansätze letzlich immer wieder von Gegenbewegungen und Fragmentierung konfrontiert sahen, was schließlich in unsere postmoderne Epoche führt.

Wieso beeinflusst die postmoderne Ästhetik die Art der Differenzierung?

In der postmodernen Epoche liegt im Vergleich zur den vorherigen Epochen der Fokus auf die Verflechtung und das Wechselspiel von Ästhetik und Anästhetik. Es sind die Brüche, die Zwischenräume, die Übergänge, das Scheitern, die Interdependenzen, die von Interesse sind. Selbst in den gegenwärtigen Debatten zur Neuroästhetik oder Fragen der Ästhetik in Verbindung mit künstlicher Intelligenz, sind diese Aspekte nicht wegzudenken. Beobachtet man heutzutage einen Museums- oder Ausstellungsbesucher beim Betrachten bzw. Erfahren eines Kunstwerks, so ist dieser gerade von der Suche nach Ausdifferenzierung und Interdependenzen geleitet. Nicht wenige würden behaupten, dass sich damit erst die Fülle des Werks erschließen ließe. Es ist dieses Niveau der Differenzierung, was letztlich sogar im Verschwimmen von vormals Getrenntem münden und explizit dem Erkennen von und der Beschäftigung mit Indifferenzen enden kann; viele Gegenwartskünstler legen es gerade hierauf an.

Warum ist ästhetisches Denken in populistischen Zeiten so wichtig?

Vergleichen wir nun die Art der Differenzierung der postmodernen Epoche mit dem populistischen Denkansatz, wird erneut deutlich, dass der populistische Ansatz unter ästhetischen Gesichtspunkten nur oberflächlich gesehen eine starke Differenzierung hervorbringt. Die scharfe Trennung und Einfachheit täuscht lediglich ein hohes Niveau an Differenzierung vor. Bei genauerer Betrachtung wird klar, dass im ästhetischen Denkansatz postmoderner Natur eine viel tiefergehende und somit eine deutlich stärkere Differenzierung vorgenommen wird. Es ist die aktive neuronale Interpretation, welche vom sinnlichen Wahrnehmen zum ästhetischen Denken leitet. In diesem Sinne würde ich ästhetisches Denken als ein – neben der Ratio – sinnliches Wahrnehmen inkludierendes, umfassend differenzierendes kritisches Denken bezeichnen. Davon braucht es in der heutigen Zeit mehr. Ein umfassend differenzierendes Denken stellt jedoch gewisse Anforderungen an uns Menschen und kann letztlich leicht zur Überforderung führen, was durchaus Teil der aktuellen Debatte ist. Mir scheint, dass wir uns gesellschaftlich mit den Anforderungen bzw. Voraussetzungen für ein solches ästhetisches Denken in den vergangenen Jahren viel zu wenig auseinandergesetzt und gekümmert haben. Die Gefahr ist gegeben, in eine „neomoderne“ Epoche zu geraten, die die Erkenntnisse und Erfahrungen der postmodernen Epoche negiert und als zu komplexe Fantasterei abwertet. Dies sollten wir nicht zulassen. Die Kunst kann einen Beitrag leisten, ein dafür hilfreiches ästhetisches Denken zu kultivieren und zu fördern (zu meinem Verständnis von Kultivierung siehe hier), um alternative Fakten, postfaktische Behauptungen und eine zweifellos vorhandene Ästhetik des Populismus differenziert zu betrachten und einzuordnen. Wer hat Lust auf einen Ausstellungsbesuch?

 

Fußnote:
[1] Auf eine Unterscheidung zwischen Differenz und Wiederholung, wie es Gilles Deleuze (1992) ausführlich in seinem gleichnamigen Werk beschrieben hat, möchte ich an dieser Stelle nur hinweisen, nutze aber den Begriff in diesem Text in einer umgangsprachlichen Weise.

Literaturhinweise:
Deleuze, Gilles (1992): Differenz und Wiederholung, Fink Verlag, München.
duden.de
Welsch, Wolfgang (2010): Ästhetisches Denken, 7. Auflage, Reclam, Stuttgart.

 

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