Art Thinking

Ohne Zweifel leben wir in Zeiten dynamischen Wandels. Dies verlangt von Organisationen, ob aus der Privatwirtschaft, dem öffentlichen Sektor oder dem Non-Profit-Bereich, ein hohes Maß an Adaptionsvermögen und Offenheit. Die Zukunft erscheint, insbesondere aufgrund vermehrter Krisenereignisse und rasanter Technologieentwicklungen, zunehmend unbeständiger und weniger berechenbar. Das sorgt einerseits für Verunsicherung und Unbehagen, auf der anderen Seite entstehen Räume für neue Lösungen – genau hier setzt Art Thinking an.

Meinen Vortrag Art Thinking beim Creative Bureaucracy Festival 2020 auf Youtube ansehen:
Art Thinking Markus Feiler Creative Bureaucracy Festival Youtube
Screenshot: Youtube-Kanal Creative Bureaucracy Festival

Inhaltsübersicht

Art Thinking – was versteht man darunter?
Was ist am Denken von Künstlern so besonders?
Welche Bedeutung hat das Umfeld auf die Kreativität?
Wie profitieren Sie von Art Thinking?
Wie hilft Art Thinking, den Erfolg einer Organisation langfristig zu sichern?

Art Thinking – was versteht man darunter?

Beim Art Thinking geht es darum, nicht nur eine bestehende Lösung zu verbessern, sondern vielmehr einen völlig neuen Lösungsansatz zu kreieren – und dies mithilfe der Kunst. Das Verdienst, den Begriff Art Thinking einer breiteren Öffentlichkeit bekannter zu machen, kommt der US-amerikanischen Autorin Amy Whitaker zu. In ihren gleichnamigen Buch versucht sie, Kunst und Wirtschaft einander näher zu bringen und beschreibt Art Thinking als eine „Form von Optimismus im Angesicht von Unsicherheit“ [1]. Allerdings merkt man Whitaker an, dass ihr Erfahrungshintergrund eher darin besteht, Künstlern etwas über Wirtschaft zu vermitteln als umgekehrt. Dies führte mich dazu, Whitakers Arbeit weiterzuentwickeln und einen eigenen Beitrag zur Begriffsbildung zu leisten.

Meine Definition von Art Thinking lautet:

Art Thinking ist ein Ansatz, der mit künstlerischem Denken und künstlerischen Methoden Raum für Kreativität schafft.

Hierbei gehe ich von einem umfassenden Raumverständnis aus, dass neben dem physischen Raum in Sinne eines Ortes ebenso nicht-physische Bedeutungen, z. B. als sozialer Raum, Denkraum usw., inkludiert. Kreativität soll im Folgenden als Fähigkeit verstanden werden, etwas zu erstellen, das neu und nützlich ist. Meine Definition von Art Thinking hebt also insbesondere einen anwendungsorientierten Zugang hervor. Aber wie genau generiert man mit Art Thinking Raum für Kreativität und wie soll dies Organisationen, ihren Führungskräften und Mitarbeitern von Nutzem sein?

Was ist am Denken von Künstlern so besonders?

Jeder meiner befreundeten Künstler tickt anders: Manche entsprechen auf den ersten Blick dem Klischee eines absoluten Freigeistes, andere wiederum wirken extrem bodenständig. Die Wahrheit liegt bei allen irgendwo dazwischen. Es gibt nicht den einen Künstlertypus. Dennoch lassen sich bei näherer Betrachtung einige gemeinsame Merkmale finden. Zu nennen sind insbesondere Neugierde, das Stellen von Fragen und das Infragestellen, eine hohe intrinsische Motivation für die eigene Arbeit und das Aufgehen im künstlerischen Tun, die Fähigkeit, Themen aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten und sich gestalterisch auszudrücken, eine sensible Wahrnehmung und die starke Resonanz mit seiner Umwelt sowie Offenheit und den Mut, Risiken einzugehen. [2] Über allem schweben die Merkmale Authentizität, denn der Künstler ist, was er tut, sowie ein Zustand der Permanenz, da der Künstler nicht ablegen kann, was er ist.

Welche Bedeutung hat das Umfeld auf die Kreativität?

Neben dem kreativen Individuum, hat das Umfeld einen entscheidenden Einfluss auf die Hervorbringung von Kreativität. Der bekannte Kreativitätsforscher und Psychologe Mihály Csíkszentmihályi entwickelte ein Systemmodell, bei dem er die Abhängigkeiten und das Zusammenspiel von Kultur (symbolhaftes Wissen), Domäne (Fachgebiet), Feld (Experten) und Individuum im Zusammenhang mit Kreativität hervorhob. [3] Setzt man dies nun in Bezug zum Art Thinking, so wird klar, dass auch hierbei dem Umfeld eine hohe Bedeutung zukommt. Kaum ein Künstler ist ein Einzelkämpfer, die meisten pflegen einen regen Austausch mit anderen Künstlern, Kuratoren, Kunstkritikern und Galeristen. Sie gewinnen dadurch immer wieder Impulse für das eigene künstlerische Schaffen. Und für den künstlerischen Werdegang ist das wohlwollende Urteil vor allem der letztgenannten Akteure insbesondere in ökonomischer Hinsicht von entscheidender Bedeutung. Nicht anders ist es in einer Organisation, denn auch hier spielen die Kultur, die Gestaltung der Organisationsprozesse sowie das Verhalten von Menschen in Schlüsselpositionen eine wichtige Rolle für das Schaffen von kreativen Räumen.

Wie profitieren Sie von Art Thinking?

Art Thinking ist ein umfassender Ansatz und im Folgenden möchte ich Ihnen einige meiner wichtigsten Art Thinking Tools vorstellen und Ihnen anhand von Beispielen zeigen, wie Sie konkret von Art Thinking profitieren können.

In Unternehmen und Organisationen liegt ein Fokus insbesondere auf Zahlen und Zielen. Völlig neue Ideen mit einem Potenzial für Transformationen und Innovationssprünge werden mit einem Denken in Zahlen und Zielen jedoch kaum zu generieren sein. Zu sehr wirken ein vorgefertigtes Mindset und damit verbundende Einschränkungen entgegen. Probieren Sie daher, sich stattdessen von Fragen leiten zu lassen. Eine Frage ist offener und unterstützt das Querdenken. Sie bietet die Möglichkeit, mehrere Lösungen für ein Problem zu finden. Darüber hinaus wird sich das Führen mit Fragen aktivierend und motivierend auf Ihr Team auswirken. Mit einer Leitfrage können Sie außerdem viele Aspekte zusammenbringen und sich selbst und Ihrem Team Orientierung geben.

Fördern Sie zudem Neugierde und kreative Impulse. Warum nicht zum Beispiel ein Teammeeting mit einem Besuch im Museum oder einer Ausstellung verbinden? Wichtig ist, dass es anschließend einen Austausch gibt, um mögliche Anknüpfungspunkte und neue Ideen für den eigenen Arbeitsbereich zu generieren.

Seien Sie mutig! Ein völlig neuer Ansatz ist immer ein Vorstoß in unbekanntes Terrain. Eine gute Idee beginnt oft als zartes Pflänzchen, welches Schutz zum Gedeihen benötigt. Eine hilfreiche künstlerische Methode bietet hierbei die Bild- bzw. Werkanalyse. Dabei gehen Sie Schritt für Schritt vor und trennen den Prozess der Beschreibung von dem der Beurteilung.

Die Zeit im Atelier ist für einen Künstler sehr wichtig. Das Atelier ist Arbeits- sowie Rückzugsort und bietet außerdem Raum für Inspirationen. Sorgen Sie dafür, dass – ähnlich wie Pinsel und Farbe – in Ihrem Büro oder Besprechungsraum Materialien und technisches Equipment zur Verfügung stehen, um Ideen rasch eine Form zu verleihen. Hilfreich ist ebenso die Einrichtung von Ideenhubs, beispielsweise in Gestalt einer Ideenbox.

Das Schaffen von finanziellen Freiräume ist mindestens ebenso wichtig. Von einer Idee eines Kunstwerks bis zur dessen Fertigstellung werden in aller Regel auch finanzielle Ressourcen eingesetzt werden müssen, beispielsweise für den Kauf von Materialien. Darüber hinaus können Sie Risikobudgets einplanen, die für Tests und Prototypen von Neuentwicklungen genutzt werden können. Um kreatives Potenzial auf Mitarbeiterbasis zu fördern, könnten Sie, ähnlich einem Kunststipendium, ein jährliches Sonderbudget für ein eigens gegründetes und abteilungsübergreifendes Kreativteam einplanen.

Wie hilft Art Thinking, den Erfolg einer Organisation langfristig zu sichern?

Im Gegensatz zum Design Thinking, welches häufig einen projektbezogenen Charakter aufweist, ist der Art Thinking-Ansatz langfristig angelegt. Ich verstehe daher Art Thinking als Teil eines umfassenden Kreativitätsmanagements, bei dem es darum geht, Kreativität in einer Organisation systematisch zu fördern, zu teilen und nutzbar zu machen. Art Thinking fungiert hierbei als kontinuierlicher Impulsgeber aus künstlerischer Perspektive und fördert eine Haltung, die Veränderung mit Offenheit und einem Denken in Möglichkeiten begegnet. Richtig angewandt, schaffen Sie mit Art Thinking neuen Raum für Kreativität und sichern somit den langfristigen Erfolg Ihrer Organisation in einem Umfeld, dass durch stetigen und rasanten Wandel gekennzeichnet ist.

Publikationen/Vorträge etc.:

Fundraiser-Magazin, Art Thinking, Ausgabe 5, September 2020, S. 74-75
Creative Bureaucracy Festival 2020 Art Thinking – was Führungskräfte in der öffentlichen Verwaltung von Künstlern lernen können
Buch Art Thinking, Veröffentlichung 2021

Literaturhinweise:

[1] Whitaker, Amy (2016): Art Thinking – How to Carve Out Creative Space in a World of Schedules, Budgets, and Bosses, HarperCollins Publishers, New York, S. 12, eigene Übersetzung.
[2] Zu ähnlichen Beobachtungen kommen unter anderem Gompertz, Will (2015): Think Like an Artist … and Lead a More Creative, and Productive Life, Penguin Books, UK sowie Csíkszentmihályi, Mihály (1996): Creativity. Flow and the Psychology of Discovery and Invention, HarperCollins Publishers, New York.
[3] Csíkszentmihályi, Mihály (1996): Creativity. Flow and the Psychology of Discovery and Invention, HarperCollins Publishers, New York.

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